Was Hörtherapien bewirken
In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Arten von Hörtherapien es gibt, wo sie zur Anwendung kommen und wie sie funktionieren. Darunter:
- Hörtherapien zur Eingewöhnung von Hörgeräten,
- systemische Hörtherapien
- Tinnitus-Retraining-Therapie
Hörtherapien zur Hörgeräte-Eingewöhnung
Hörgeräte von heute sind zwar technisch gesehen kleine Wunder – die neueste Technik allein reicht leider trotzdem nicht aus, um mit Hörgerät sofort wieder „normal“ zu hören. Durch Hörverluste gehen bestimmte Verbindungen im Gehirn verloren, weil sie nicht genutzt werden. Mit einem Hörgerät werden diese oft jahrelang nicht wahrgenommene Töne plötzlich wieder wahrgenommen – da die dafür zuständigen Verbindungen im Gehirn jedoch nicht mehr vorhanden bzw. geschwächt sind, klingen bestimmte Geräusche (zum Beispiel Sprache) erst einmal völlig anders.
-
Keine Sorge: Das menschliche Gehirn ist plastisch – sprich, die verloren gegangenen Verbindungen wachsen wieder, je mehr sie trainiert werden. Dies geschieht in der Hörgeräte-Eingewöhnungsphase. Je nach Hörakustiker werden diese Therapien unter verschiedenen Namen angeboten.
-
Das Ziel dahinter ist jedoch immer dasselbe: Die Verbindungen im Gehirn, die fürs Sprachverstehen zuständig sind, sollen schneller wiederhergestellt werden – sodass sich das Gehör rasch an die neuen Eindrücke gewöhnt und das Hörerlebnis als möglichst normal empfunden wird.

Systemische Hörtherapie
Die Systemische Hörtherapie basiert auf de Grundlagen des französischen HNO-Arztes Prof. Alfred Angelo Tomatis (1920–2001). Im Rahmen seiner Forschung erkannte Tomatis den Zusammenhang des Gehörs bzw. einer mangelnden Verarbeitung von Hör- und Gleichgewichtsreizen mit zahlreichen anderen Symptomen wie Sprachschwierigkeiten, Lern- und Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen bis hin zum Burnout-Syndrom.
Im Fokus der Therapie steht die enge Verbindung des Ohrs mit dem autonomen Nervensystem – über die der Mensch ganzheitlich angesprochen wird, indem das komplexe System von Ohr, Gleichgewichtssinn und Gehirn wieder in Balance gebracht wird.
Die systemische Hörtherapie kommt häufig bei Kindern mit Schulproblemen zum Einsatz. Sie umfasst folgende Schritte:
-
Am Anfang steht ein ausführlicher Hörtest, der Aufschluss über das Hörvermögen bzw. etwaige Hörschwächen gibt gibt.
-
Anschließend folgt ein Training mit Spezialkopfhörern und gefilterten, speziell auf den Patienten abgestimmten und systematisch aufgebauten Musikfolgen. Diese trainieren die Spannung des Trommelfells und beruhigen den Vagusnerv.
-
Ziel der Therapie ist ein allgemein verbessertes, körperliches Gleichgewicht, durch das man sich u. a. (selbst)sicherer und weniger ängstlich fühlt, sich besser konzentrieren kann und dadurch lernfähiger ist.

Die Tinnitus-Retraining-Therapie
Millionen von Menschen weltweit leiden unter Ohrgeräuschen – im Fachjargon Tinnitus genannt. Die Gründe für Tinnitus sind vielseitig, sehr oft sind jedoch Hörverluste bzw. Hörstörungen für die lästigen Ohrgeräusche verantwortlich. Unabhängig vom Auslöser gilt: Tinnitus kann seelisch sehr belastend sein – vor allem wenn er chronisch wird, sprich bereits mehr als 6 Monate besteht.
Üblicherweise werden störende Geräusche, die uns ständig begleiten (wie Verkehrslärm) vom Hörzentrum unseres Gehirns herausgefiltert bzw. unterdrückt. Ein Prozess, der bei Tinnituspatienten nicht funktioniert: Die Ohrgeräusche werden ständig wahrgenommen, die Aufmerksamkeit immer mehr darauf gelenkt – ein Teufelskreis, der den Tinnitus mit der Zeit immer störender und bedrohlicher erscheinen lässt (mehr zum Thema Tinnitus lesen Sie in diesem Beitrag). Obwohl der ursprüngliche Auslöser im Ohr liegen kann, betrifft Tinnitus schlussendlich weniger das eigentliche Hören, sondern vielmehr das limbische System im Gehirn.

Die 1990 von Jastreboff und Hazell entwickelte Tinnitus-Retraining-Therapie ist eine Behandlungsmethode, die auf das Prinzip der Desensibilisierung setzt. Das bedeutet, sie ist weniger auf die Entstehung des Tinnitus ausgerichtet, sondern auf die Verarbeitung der Ohrgeräusche im zentralen Nervensystem und deren bewusste Wahrnehmung.
Im Wesentlichen kommen dabei drei Behandlungsschritte zum Tragen:
-
Am Anfang steht eine ausführliche Anamnese der Krankengeschichte und alltäglichen Lebensweise des Patienten, um etwaige Auslöser zu identifizieren und die Therapie spezifisch anzupassen.
-
Zweiter Schritt ist der Einsatz von Noisern bzw. Maskern, die durch ein speziell auf den Patienten abgestimmtes, leises und wenig störendes Geräusch (z. B. Rauschen) vom Tinnitus ablenken sollen. Ziel ist, sich durch bewusste Konzentration an dieses Geräusch zu gewöhnen, wodurch der Tinnitus in der Wahrnehmung in den Hintergrund tritt.
Um die Hörwahrnehmung des Gehirns umzutrainieren, müssen Noiser/Masker teils bis zu 8 Stunden täglich getragen werden, und oft dauert es Monate bis über ein Jahr, bis sich Erfolge zeigen. Oft helfen auch schwache Hörgeräte, die Ohrgeräusche allein durch die verstärkte Wahrnehmung von Umweltgeräuschen zu unterdrücken. Liegt dem Tinnitus ein Hörverlust zugrunde, verschwindet er oft, sobald dieser durch ein Hörgerät korrigiert wird.
-
Zusätzlich werden Patienten psychologisch begleitet und nehmen an Stressbewältigungs- und Entspannungstherapien teil: Dadurch soll gelernt werden, den Ohrgeräuschen weniger Bedeutung beizumessen, sodass das Gehirn sie als weniger bedrohlich wahrnimmt.
Auch #sehenswert

Hörschwäche: Ab wann brauche ich ein Hörgerät?

Der Weg zum Hörgerät – einfach erklärt
